Vermüllung Berlin

Vermüllung: Warum Berlin so mit dem Dreck zu kämpfen hat

Unzählige Zigarettenkippen und Kronkorken. Sperr- und Sondermüll in Waldgebieten, in den Aufgängen und Treppenhäusern von Großwohnsiedlungen . Überquellende Abfalleimer, über die sich Krähen hermachen.


Verpackungsmüll und Hundekot an Straßenrändern und in Grünanlagen, auf dass einem jegliche Lust vergeht, sich für die Mittagspause zur Entspannung auf den Rasen zu setzen.

Es sind Bilder, wie man sie kennt in Berlin.


Im Mauerpark in Prenzlauer Berg ebenso wie im Weinbergspark und im James-Simon-Park in Mitte oder in der Hasenheide in Neukölln . Aber auch in den Außenbezirken – etwa an der Krumme Lanke in Zehlendorf oder am Lindenufer in Spandau – sieht es nicht viel besser aus. Alltag, der kaum noch hinterfragt wird. „Dit is Berlin, wa?“, könnte man resigniert sagen, wenn es nicht so traurig wäre.


Und genau darin liegt ein großer Teil des Problems, finden die Menschen, die sich mit den Hinterlassenschaften der Berlinerinnen und Berliner, der Partygänger und Touristen, der Gewerbetreibenden und Umzugsfirmen beschäftigen müssen.


Ob Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) oder der

Grünflächenämter, ob Ordnungsstadträte oder umweltpolitische Sprecher der Parteien: Sie alle sind sich einig, dass mittlerweile eine gefährliche Verrohung und Gleichgültigkeit vorherrscht, was den eigenen, verantwortungsbewussten Umgang mit alltäglichem Müll angeht.


Bezirk Mitte: Müllaufkommen stieg 2021 von 650 Tonnen auf 900 Tonnen

Ein Trend, der sich durch die Corona-Pandemie vielerorts noch verschärft hat. Stichworte sind hier mangelnde soziale Kontrolle, „To Go“-Mentalität mit Wegwerfprodukten und der Zwang, sich aufgrund hoher Infektionszahlen draußen aufhalten zu müssen.

Müllmeldungen von Bürgern haben sich in den vergangenen Jahren laut einiger Bezirke nachweislich verdoppelt, die Zahl gefundenen, auch gefährlichen Mülls auf Kontrollgängen des Ordnungsamts gar verdreifacht.

🟨 Bis 2020 bewegte sich das Müllaufkommen etwa im Bezirk Mitte zwischen 650 bis 680 Tonnen im Jahr.

🟨 2021 waren es dann bereits über 900 Tonnen.

An warmen Wochenenden fallen derzeit noch immer jedes Mal circa 15 Tonnen Abfall in den Grünanlagen an, heißt es aus dem Bezirksamt.

Am meisten darunter zu leiden haben naturgemäß die BSR und die Grünflächenämter der Bezirke, die aufgrund des gestiegenen Müllaufkommens vielfach gar nicht mehr zu ihrer eigentlichen Kernaufgabe kommen, dem Gärtnern.


Die Grünflächenämter sind es nämlich, die aktuell noch für die Säuberung von 97 Prozent der rund 2700 Parks, Spielplätze und sonstigen Grünanlagen in Berlin zuständig sind, während die BSR sich primär um das öffentliche Straßenland kümmert.


Dabei könnte auch dort alles so einfach sein. 27.000 BSR-Papierkörbe gibt es in der Stadt, knapp 24.000 davon im öffentlichen Raum sowie knapp 3000 in den bereits von der BSR betreuten Grünanlagen und Wäldern.


Hinzu kommen circa 200 sehr großvolumige BSR-Abfallbehälter, die an besonders stark besuchten Orten wie etwa dem Alexanderplatz installiert sind.

Nur benutzt werden diese Vorrichtungen nicht unbedingt. Viele Menschen sind laut Erfahrung der BSR dazu übergegangen, sie völlig zu ignorieren und ihren Müll einfach an Ort und Stelle liegen zu lassen.

Dieses rücksichtslose Verhalten ist häufig der eigenen Bequemlichkeit geschuldet – und auch ein Zeichen mangelnden Respekts für den öffentlichen Raum sowie für unsere Reinigungskräfte, welche die Litteringobjekte im Zuge der regelmäßigen Straßenreinigung beseitigen“, so BSR-Sprecher Sebastian Harnisch.

Littering, das bezeichnet das rechtswidrige Wegwerfen von Kleinabfällen. Einwegverpackungen wie Getränkebecher, Menüschalen und Pizzakartons gehören dazu, aber auch weggeschnippte Zigarettenkippen.


Aktuelle Zahlen zu Littering in ganz Berlin liegen dabei nicht vor. Diese könnten nicht fortlaufend erhoben werden, heißt es von der BSR, da dieser Abfall zusammen mit Laubresten und Altstreugut Bestandteil des normalen Straßenkehrichts seien und zahlenmäßig nicht gesondert erfasst würden.

BSR beseitigt rund 34.000 Kubikmeter illegalen Müll pro Jahr


Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheint, ist Littering allerdings nicht das größte Problem der Stadt. Eine höhere Belastung für die Stadtsauberkeit sieht die BSR in illegalen Ablagerungen.

Bedeutet: Im Abstellen größerer Abfälle, zu denen etwa Sperrmüll, Elektroschrott, blaue Säcke, Bauschutt und widerrechtlich abgestellte Autowracks gehören.

Für die Beseitigung dieser illegaler Müllablagerungen, genauer gesagt für Sperrmüll, Elektroschrott und die blauen Säcke, ist die BSR berlinweit lediglich Auftragnehmerin der bezirklichen Ordnungsämter – und somit das letzte Glied in der Kette. „In einigen Bezirken sind wir nahezu täglich unterwegs, um illegale Müllablagerungen zu entfernen“, erzählt Harnisch. Bauschutt und Autowracks gehören in der Regel nicht zu den Aufgabenbereichen des Unternehmens.

Trotzdem beseitigt die BSR in Berlin durchschnittlich noch immer rund 34.000 Kubikmeter an illegalen Müllablagerungen pro Jahr, vor allem in Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Mitte (siehe Grafik). Was wiederum durchschnittliche Kosten von jährlich rund 4,7 Millionen Euro bedeutet, die das Unternehmen vom Land Berlin in Form der so genannten Stadtrechnung erstattet bekommt.


Im Rahmen von Ordnungswidrigkeitsverfahren nehmen indes die originär zuständigen Ordnungsämter die jeweiligen Sachverhalte auf , leiten Ermittlungen zu den Verursachern ein und beauftragen – je nach Art der illegalen Ablagerung – unterschiedliche Entsorgungsunternehmen mit der Entfernung. Geht es nach vielen Bezirken und dem Senat, sollte das ab 2023 nur noch die BSR sein. Und zwar auch in allen Grünanlagen der Stadt.

Auch ordnungs- und strafrechtliche Maßnahmen gefordert

„Der Bezirk unterstützt ausdrücklich die Planung des Landes, die BSR direkt mit der Einsammlung aller Müllarten zu beauftragen“, sagt etwa Spandaus Ordnungsstadtrat Gregor Kempert (SPD). Den unterschiedlichen Zuständigkeiten und den bisher unterschiedlichen Anforderungen könne damit effektiver und schneller begegnet werden.

Zuständigkeitskonflikte und Verzögerungen würden ebenfalls verhindert. Eine schnelle Reaktion durch die sich ohnehin unterwegs befindliche BSR und die direkte Bündelung und Adressierung von Bürgermeldungen verhindere zudem Nachahmereffekte.


Je kürzer der Müll an einer Stelle liegt, umso weniger zusätzliche Ablagerungen erfolgen dort“, ist sich Kempert sicher.


Zivile Kontrollen, Bußgelder, aufgestocktes Personal und höhere Reinigungsfrequenzen, Informationskampagnen, Melde-Apps, Parkläufer, weniger Einwegverpackungen ab 2023 und kostenlose Sperrmülltage , all das sind weitere Maßnahmen, mit denen Bund, Land und Bezirke derzeit versuchen, dem gestiegenen Müllaufkommen Herr zu werden.


Gerade Sperrmülltage sieht die BSR allerdings auch kritisch. Sie könnten das zugrundeliegende Problem nicht lösen, heißt es von dem Unternehmen: „Denn augenscheinlich wird ein großer Teil der illegalen Ablagerungen nicht durch Privatpersonen verursacht, sondern durch unseriöse Gewerbetreibende.“ Dazu gehörten etwa dubiose Entrümpler und Baufirmen, die sich durch dieses Vorgehen die gewerblichen Entsorgungskosten sparen wollten.


Für eine nachhaltige Lösung des Missstands sei es daher erforderlich, dass eine effiziente Beseitigung illegaler Ablagerungen durch konsequente ordnungs- und strafrechtliche Maßnahmen flankiert werde.


„Nur auf diese Weise lässt sich verhindern, dass einige Bereiche unserer Stadt von Umweltkriminellen und anderen verantwortungslosen Menschen immer wieder als illegale Müllabladeplätze missbraucht werden“, so das Fazit von BSR-Sprecher Sebastian Harnisch.

Im aktuellen Haushalt des Senats ist zusätzlich die Gründung einer Zero Waste Agentur angelegt, die sich künftig bei der Berliner Stadtreinigung angliedern soll. „Das ist ein weiterer Schritt Richtung Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung“, sagt die umweltpolitische Sprecherin der Berliner SPD, Nina Lerch. „Ziel ist es ja, insgesamt weniger Müll zu produzieren.“

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c/o: Berliner Morgenpost


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